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INFOMAIL
Raum für Wort & Wildnis e.V.

 

Unsere Infomail versenden wir ca. viermal im Jahr. Darin findest Du Veranstaltungshinweise sowie kleine Einblicke in unsere Arbeit.

Vielen Dank!

DIE WALDSCHNEPFE.
Unser persönlicher Vogel des Jahres.

Es dämmert. Der Tag vergeht. Ich stehe im Raakmoor, im Norden Hamburgs, halte inne und lausche auf jenes Geräusch, das mir zum ersten Mal an einem Abend in der Wildnisschule Wildeshausen zu Ohren kam. Ein Quaken, ein Knarzen, rhythmisch im Takt der Flügelschläge, auf die ich noch einen kurzen Blick erhaschen darf: Eine Waldschnepfe fliegt ihr Territorium ab.

 

Tagsüber, ein Tag Anfang März 2021. Ich schlendere mit einer NABU-Bekannten durch's Raakmoor. Wir kommen auf die Waldschnepfe zu sprechen. Tagsüber sähe man sie nicht, erzählt sie. Sie säße in guter Tarnung ebenerdig. Derart gut getarnt warte sie lange ab, bis sie bei Gefahr auffliegt. Oft schon habe sie bei Arbeitseinsätzen eine Waldschnepfe übersehen und sich erschrocken, als diese knapp vor ihr die Flucht ergriff.

 

Wenig später hocke ich an einem Grundstücksgraben in Nordfriesland. Hohe Bäume ringsherum schützen das Haus vor Sturm und alltäglichem Wind. Ich sammele gerupfte Federn auf. Fein säuberlich sortieren wir sie und prüfen: Es sind die Federn einer Waldschnepfe.

 

Ende März schlendern Tobi von den Waldkinners Asendorf, Inge und ich in der Nähe der Alten Baumschule von Elling am Feldrand entlang. Tobi deutet auf eine Rupfung. Die Federn kenn ich doch! Wieder eine Waldschnepfe.

 

Erinnerungsfragmente noch ohne Bedeutung.

 

Doch dann steht unser erstes Wildniscamp des Jahres an. In der Woche vor Ostern mitsamt Gründonnerstag und Karfreitag, auf dem Platz der Alten Baumschule. Und wir sind im Lockdown. Inge und ich arbeiten uns durch niedersächsische Verordnungen zur Eindämmung der Corona-Pandemie, machen Bekanntschaft mit der Stabstelle Pandemie des Landkreises Harburg. Das Kindercamp darf stattfinden. Wir bereiten alles vor, schreiben die Eltern an, sind optimistisch. Und dann verkündet Merkel die Osterruhe. Wir reagieren sofort: Wir planen um, werfen um, die Köpfe rauchen, eine Auszeit tut Not, Inge geht spazieren, läuft durch die Hafencity und findet inmitten von Stahl und Beton eine bis auf Kopf, Flügel und Wirbelsäule verzehrte Waldschnepfe. Wir arbeiten weiter, finden eine Lösung, informieren alle Eltern. Und dann bläst Merkel die Osterruhe ab.

 

Völlig erledigt lassen wir uns in die Sessel plumpsen. Und eine Frage taucht auf:

 

Sollte uns die Waldschnepfe vielleicht etwas sagen? Und dann eine weitere: Wenn ja, was?

 

Und die Erinnerungsfragmente bekommen eine Bedeutung.

 

Sitzen bleiben. Gut geerdet sitzen bleiben. Da kommt etwas auf mich zu, das mich beunruhigt. Aber ich brauche noch nichts zu tun. Erstmal bleibe ich sitzen. Mit wachen Sinnen, ich beobachte genau. Und ich werde rechtzeitig erkennen, ob ich sitzenbleiben kann oder mich fix bewegen muss. Sterben ist eine Möglichkeit. Aber das heißt nicht, dass ich nicht erstmal sitzen bleib. Und am Ende des Tages steige ich in die Luft und schaue mir alles von oben an.

 

Es ist Ende September. In einer Kooperation mit einer Hamburger Grundschule haben wir alles vorbereitet, damit eine Wildniswoche mit ihren Grundschüler:innen stattfinden kann. Praktika von Studierenden eines Kurses der Uni Bremen und sämtliche Honorare hängen mit dran. Alles ist bereit. Und dann ruft die Schulleiterin an: Es täte ihr leid, sie müssten die Wildniswoche absagen, es hätten sich zu wenig Schülerinnen und Schüler angemeldet. Was tun? Erstmal frühstücken gehen. Denn das hatten wir gerade vor. Die E-Mail mit der Absage an alle kann später geschrieben werden. Ein entspannter Vormittag, ein köstliches Frühstück. Kaum zurück am Schreibtisch kommt ein Anruf von einer Lehrerin derselben Schule rein. Sie würden nochmal alles versuchen, um über's Wochenende Anmeldungen zusammenzubekommen. Das Projekt sei so toll und leider untergegangen im hektischen Schulalltag. Das Projekt findet statt, mit mehr Kindern als erwartet.

 

Es hätte auch scheitern können. Dass das Projekt stattfand, ist nicht der entscheidende Punkt. Der entscheidende Punkt ist die Haltung, mit der wir dank dessen, was wir von der Waldschnepfe lernen durften, dem Ganzen begegnen konnten. Dafür danken wir von Herzen. Und aus dieser Dankbarkeit heraus teilen wir: „Nimm, was dir nützt, und lass das übrige stehen.“ - So halten wir's.

(Text: J.Sierk, Zeichnung: A.Sierk)

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Mit unserem Programm Jedem Kind ein Camp! Denn: Wildnis bildet und tut gut! sind wir eine von 100 Stipendiaten bei startsocial!

startsocial ist ein bundesweiter Wettbewerb zur Förderung des ehrenamtlichen sozialen Engagements. Unter dem Motto „Hilfe für Helfer“ vergibt startsocial jährlich 100 viermonatige Beratungsstipendien und 25 Auszeichnungen, darunter sieben Geldpreise, an herausragende soziale Initiativen.

Im Oktober stehen in Kassel, Hamburg und Niedersachsen noch vier Wildniscamps für Kinder an und ab November startet pünktlich zum Ende unserer Wildnissaison das Beraterstipendium - uns wird nicht langweilig :)

 

Wir sind unglaublich dankbar und freuen uns auf eine intensive Zeit mit unseren Coaches!

Weitere Infos zu unserem Programm findet ihr hier.